Sicherstellung der Gesundheitsversorgung im Lahn-Dill-Kreis

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Rede zur „Sicherstellung der Gesundheitsversorgung im Lahn-Dill-Kreis“ in der 10. Kreistagssitzung am 18.07.2022, gehalten von Dr. Daniel Sattler, Bündnis 90/ Die Grünen, Mitglied des Kreistages.

 

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, werte Kolleg*innen,

in der Sitzung des Sozialausschusses vom 18.5. sowie im letzten Beitrag wurde die aktuelleSituation bereits ausführlich dargelegt, daher nur in Kürze: Im Lahn-Dill-Kreis sind etwa 170 Hausärzt*innen tätig, der Altersdurchschnitt beträgt etwa 60 Jahre. Und auch, wenn man davon ausgeht, dass einige Praxen nach Erreichen des Renteneintrittsalters zunächst fortgeführt werden: Ab 2025 könnte für die Hälfte der Praxen die Nachbesetzung anstehen. Und die Hoffnung, dass sich für alle freiwerdenden Stellen eine Nachfolgeregelung findet, ist, meines Erachtens, zutiefst unrealistisch.

 

Warum? Zum einen sind es banale demographische Gründe: Es kommen weniger junge Kolleg*innen nach als ältere ausscheiden. Darüber hinaus sind es Trends, die auch in anderen Berufsbildern vorliegen – besonders der Trend zu einer höheren Anzahl an Teilzeitstellen. Gründe dafür sind unter anderem die hohe Arbeitsbelastung und die zunehmende Arbeitsverdichtung der letzten Jahre. Dieser Trend besteht übrigens nicht nur bei Ärzt*innen: Auch bei Pflegekräften, Hebammen und im Rettungsdienst besteht im Prinzip die gleiche Problematik.

 

Nebenbei gemerkt ist dies ein sich selbst verstärkendes Phänomen: Wenn weniger Personal existiert, steigt die Arbeitslast weiter, und die Motivation, im entsprechenden Beruf zu arbeiten, sinkt ebenfalls noch weiter.

 

Kurz: Auch wenn die Anzahl der Ärzt*innen in Deutschland immer noch steigt (und das tut sie) – die Anzahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden sinkt.

 

Also: Was tun? Der erste Schritt – wie bei jedem kritisch kranken Patienten: Rahmenbedingungen optimieren. Und in den letzten Jahren (das Problem ist ja nicht von jetzt auf gleich entstanden) ist hier schon einiges geschehen. Um nur zwei Punkte zu nennen: Mit dem Landarztnetz sind einfachere Möglichkeiten geschaffen worden, um als Ärzt*in angestellt tätig zu sein, in Vollzeit oder Teilzeit. Und der Weiterbildungsverbund zwischen den Lahn-Dill-Kliniken und Hausärzt*innen ist eingerichtet worden, um die Ausbildung in der Allgemeinmedizin zu vereinfachen.

 

Das Problem ist: Es ist einfach keiner da – und zwar bei keiner der genannten Berufsgruppen. Und hier müssen wir tätig werden, denn: Gesundheitsversorgung ist kommunale Daseinsvorsorge.

 

Nun ist der Lahn-Dill-Kreis hier natürlich nicht allein betroffen, aber aufgrund der demographischen Struktur doch stärker als andere Landkreise. Daher kann und musskurzfristig dennoch versucht werden, für die Gesundheitsregion Lahn-Dill zu werben und Fachkräfte zu gewinnen. Denn die Bedingungen sind gut:

 

Mit den ansässigen Krankenhäusern ist ein großes Spektrum stationärer Behandlung vertreten. Noch existiert ein gutes Haus- und Fachärzt*innen-Netz, auf das zugegriffen werden kann, es gibt viele Möglichkeiten zur Praxisübernahme. Wenn das nicht gewünscht ist, gibt es – unter anderem mit dem Landarztnetz – auch zahlreiche Möglichkeiten zur Anstellung. Klar ist auch: Bei ÖPNV, Radwegenetz und Breitbandausbau ist noch Luft nach oben – aber da sind wir ja dran.

 

Warum ich all diese guten Dinge aufzähle: Weil all das in eine professionell gestaltete, medienübergreifende Kampagne mit rein muss. Natürlich sind das sehr viele Akteure, die mit einbezogen werden müssen. Offensichtlich sind das die Kassenärztliche Vereinigung für den ambulanten Sektor und die Lahn-Dill-Kliniken, aber eben auch die anderen privaten und kirchlichen Krankenhausträger, die das Versorgungsspektrum hier deutlich erweitern. Nicht zuletzt die Träger der Pflegeheime, die ambulanten Pflegedienste, die Hebammen und der Rettungsdienst – denn wenn ich schon Werbung für eine Gesundheitsregion mache, dann auch richtig.

 

Und wenn jetzt schon einmal alle mit am Tisch sitzen, dann muss die langfristige Versorgung überdacht werden. Denn die Situation wird sich weiter verschärfen, und mit den aktuellen Mitteln (auch mit Zuzug) langfristig nicht lösen lassen. Sondern es muss sich strukturell und inhaltlich etwas ändern.

 

Zum Strukturellen: Der Trend weg von Einzelpraxen zu übergreifenden Einheiten, v. a. zu MVZs, wird sich fortsetzen. Diese MVZs haben große Vorteile (ökonomische und auch fachlich-inhaltliche), aber auch einen großen Radius. Hier stellt sich die Frage, wie der – möglichst gleichbleibende – Ansprechpartner im Ort sichergestellt wird. Wie kommen Patient*innen in die Praxis, wenn sie nicht mehr im gleichen Dorf ist?

 

Stationär besteht ebenfalls eine Tendenz zur Zentralisierung, das haben wir vorhin im Beispiel der Dillenburger Geburtshilfe diskutiert. Und hierzu muss auch gesagt werden, dass es richtig und wichtig ist, dass nicht mehr jedes Haus Schlaganfälle, Herzinfarkte und große Unfälle behandelt. Menschenleben werden auch dadurch gerettet, dass bestimmte Krankheitsbilder und Eingriffe eben nicht an jedem Haus, sondern an großen Zentren behandelt werden. Trotzdem braucht es möglicherweise Ansprechpartner vor Ort – vielleicht auf einem anderen Level als jetzt. Dieser Konflikt muss politisch aufgelöst werden.

 

Zum Inhaltlichen. Heute gibt es in Deutschland so viele Hausärzt*innen pro 100.000 Einwohner wie ein keinem anderen EU-Land (bis auf eine Ausnahme). Ob diese Rangfolge so bleiben wird, sei dahingestellt, aber die absolute Zahl wird sicherlich sinken. Und nicht alles, was heute eine ärztliche Leistung ist, wird das auch in zwanzig Jahren noch sein – davon bin ich fest überzeugt.

 

Das beginnt mit der Delegation von ärztlichen Leistungen: Der Hausarzt, die Hausärztin ist für eine Leistung zuständig und verantwortlich, kann sie aber delegieren (z. B. an nicht-ärztliche Praxisassistent*innen, NäPAs), sofern dieses über eine ausreichende Qualifikation verfügt. Beispiele sind Haus- oder Heimbesuche nicht nur für „Routine“ und kleine Visite, sondern auch für Blutabnahmen und komplexe Wundpflege.

 

Denkbar ist aber auch eine Substitution – Leistungen werden eigenständig und eigenverantwortlich erbracht, einschließlich der Verschreibung von Heilmitteln – z. B. in der Pflege, ohne dass dauerhaft von einem Arzt, einer Ärztin kontrolliert wird.

 

Genauso denkbar sind aber auch ganz neue Ansprechpartner vor Ort – siehe das, was es vor wenigen Jahren als „Gemeindeschwester 2.0“ gab, also jemand, der koordiniert, vernetzt, möglicherweise auch Teilbereiche der Heilkunde eigenverantwortlich ausübt – und damit Praxen oder Praxiszentren weiter entlastet. Und über das große Feld der Telemedizin ist jetzt noch gar nicht gesprochen.

 

Mit anderen Worten: Wir brauchen eine langfristige kommunale Gesundheitsstrategie. Das beinhaltet eine Person, eine Stelle, eine Institution, die mit den genannten Akteuren (und das sind, wie dargelegt, viele!) zusammen Veränderungen antizipiert, Modellprojekte ins Leben ruft und durchführt, Prozesse und Entwicklungen nicht nur beobachtet, sondern begleitet und aktiv gestaltet, und schaut, was geht! (Und ich glaube, es geht eine ganze Menge.) Sonst passiert nämlich genau das, was gerade in Dillenburg passiert: Statt aktiver Planung werden wir von der Situation überrollt, und plötzlich ist ein Fachbereich einfach weg oder eine Kommune ganz ohne Versorgung.

 

Und hier möchte ich kurz auf die wieder vorgeschlagenen Stipendien eingehen: Dass diese in der Vorstellung im Sozialausschuss „sehr wohlwollend aufgenommen“ wurden, wie es der Kollege Müller gerade dargestellt hat, sehe ich anders. Ganz im Gegenteil wurde dargestellt, dass die Stipendien vergleichsweise teuer sind, der Effekt äußert unsicher ist und mit viel rechtlichem und administrativem Aufwand verbunden ist. Dazu kommt das Risiko, dass die

 

Mediziner*innen einfach von einem stärkeren Anbieter „losgekauft“ werden und dann eben doch nicht zur Verfügung stehen. Und zu dem angesprochenen Konkurrenzdruck, der entsteht: Den sollte man eben genau nicht dadurch verstärken, dass auch der Kreis noch Stipendien anbietet.

 

Sowohl die Erstellung einer entsprechenden Strategie als auch die Durchführung von Modellprojekten werden übrigens durch das Land umfänglich gefördert.

 

Kurz zusammengefasst:

 

Der Mangel an Personal in Gesundheitsberufen (egal welcher Berufsgruppe) wird sich verschärfen. Kurzfristig kann mit einer gut angelegten Kampagne Personal gewonnen werden – die Voraussetzungen sind da. Langfristig brauchen wir eine Strategie, die die Veränderungen in der Kommune antizipiert und gestaltet. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch für die künftige Versorgung Lösungen finden – daher bitte ich um Zustimmung.

 

Vielen Dank.

 

 

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